Direkt zum folgenden Bereich:
  1. Hauptnavigation
  2. Inhalt
  3. Themenübersicht
  4. Suche
  5. Links
  6. Adresse



Inhalt

Stress, lass nach

Es ist Aufgabe der Politik, Eltern ein kinder- und karrierekompatibles Leben zu ermöglichen – finden jedenfalls Kerstin Andreae und ich und haben einen entsprechenden Gastbeitrag in der ZEIT vom 16.6.2016 veröffentlicht, den ich hier dokumentiere:

„Den Frühstückskaffee im Stehen hastig heruntergeschluckt, die Pausenbrote in den Ranzen gesteckt, die Kinder in der Schule abgeliefert, dann weiter ins Büro, wo ein klingelndes Telefon und ein voller Posteingang warten. Gottseidank ist heute der Partner mit dem Kinderabholen dran. Doch nach der Arbeit im Büro ist vor der Arbeit Zuhause: das Abendessen muss zubereitet werden und die Kinder fordern zurecht nach Aufmerksamkeit. Sport ist auch diesmal nicht drin, wie überhaupt ein wenig Zeit für sich selbst oder für das Telefonat mit der Freundin oder das Buch auf dem Nachttisch.

Zeitdruck kennen wir alle – egal ob selbstständig oder angestellt, ob Wissensarbeiter oder Handwerkerin, Kassierer oder Managerin. Doch aus dem Zeitdruck ist mittlerweile Zeitknappheit geworden. Woher kommt dieses kollektive Gefühl, dass der Tag zu wenig Stunden hat? Und, ist dieses Gefühl ein neues Phänomen?

Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern hat sich verändert. Immer mehr Frauen sind berufstätig und zugleich wollen immer mehr Männer nicht nur am Sonntag Papa sein. Vor rund 60 Jahren haben die Gewerkschaften mit dem Slogan »Samstags gehört Vati mir« die Fünf-Tage-Woche gefordert. Heute möchte Vati sieben Tage die Woche für die Kinder da sein. Und Mütter möchten auch nach der Geburt in ihrem erlernten Beruf ihre Frau stehen. Zumal meist ein Gehalt allein nicht ausreicht, um eine Familie zu ernähren. Dieses schleichende Ende der Hausfrauenehe hat das Leben in den Familien verändert. Es ist daher an der Zeit(!), die Familien aus dem Korsett des vergangenen Jahrhunderts zu befreien. Es ist an der Zeit, aus dem Slogan »Vereinbarkeit von Familie und Beruf« ein lebbares Konzept zu machen.

60 Prozent der Eltern wünschen sich eine partnerschaftliche Aufteilung der Erziehungsarbeit – doch nur 14 Prozent von ihnen können das im Alltag umsetzen. Frauen wie Männer müssen die Möglichkeit haben, ihre Zeit selbstbestimmt und partnerschaftlich aufzuteilen. Frauen sollen die Freiheit haben, existenzsichernd erwerbstätig zu sein und Männer die Freiheit, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, um mehr Zeit für Familie und Freunde zu haben. Am Ende geht es also um eine faire Verteilung – und es ist an der Politik, hierfür die Rahmenbedingungen zu schaffen.

Ein entscheidender Punkt ist die Gestaltung der Erwerbsarbeit. Immer mehr Menschen möchten, dass sich die Arbeit ihren Lebensumständen anpasst und nicht umgekehrt. Nicht immer passen 40 Arbeitsstunden pro Woche in unseren Alltag. Da ist zum Beispiel der Vater, der seine Arbeitszeit für ein halbes Jahr reduzieren möchte, um für die Tochter in den ersten Monaten nach ihrer Einschulung da zu sein. Was kann er tun? In Teilzeit gehen? Eher nicht. Zu schwierig ist danach der Widereinstieg in die volle Stelle.

Unsere Lösung ist die flexible Vollzeit mit einem Arbeitskorridor von 30 bis 40 Wochenstunden. Innerhalb dieses Korridors können Beschäftigte – unter Einhaltung von Ankündigungsfristen – über ihren Arbeitszeitumfang mitbestimmen und ihn so an ihre Lebenssituation anpassen. Bei zwingenden betrieblichen Gründen kann der Arbeitgeber ein Veto einlegen. Dieses Mehr an Flexibilität würde die Zeitsouveränität aller Beschäftigten stärken und Vorteile für die Unternehmen bieten. Denn schon heute zeigt sich: Viele Fachkräfte wählen ihren Arbeitsplatz längst nicht mehr allein nach dem Einkommen, sondern für sie ebenso entscheidend, wie er sich mit Familie und Freizeit verbinden lässt.

Doch in bestimmten Lebensphasen reicht mehr Zeitsouveränität alleine nicht aus. Es braucht es finanzielle Unterstützung. Die bietet zum Beispiel das Elterngeld im ersten Lebensjahr eines Kindes. Nur, der Bedarf nach mehr Zeit verschwindet ja nicht mit dem ersten Geburtstag eines Kindes. Nur weil es in die Kita geht, nimmt der Stress für die Eltern nicht ab. So ist gerade der Wiedereinstiegsphase in den Job für viele Mütter und Väter ein Drahtseilakt. Deshalb wollen wir das Elterngeld verlängern und flexibler gestalten.

Jedes Elternteil soll Anspruch auf acht Monate Kinderzeit haben, weitere acht Monate können frei aufgeteilt werden. Im ersten Lebensjahr des Kindes können beide Elternteile – nacheinander oder gleichzeitig – für maximal zwölf Monate vollständig aus dem Beruf aussteigen. Danach können sie bis zum 14. Lebensjahr frei entscheiden, wie und wann sie ihre restlichen Monate nehmen wollen. Der Vorteil dieses Modells, wir nennen es KinderZeit Plus, ist: Väter und Mütter können sich die Elterngeld-Monate für »heiße« Phasen der Erziehung aufsparen. Ob Einschulung, Schulwechsel oder Pubertät – Eltern haben so die Chance verstärkt für ihr Kind da zu sein, wenn es sie besonders braucht.

Dass heute jeder Dritte in Deutschland angibt, Probleme mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu haben, müssen wir Politiker als Appell verstehen. Es ist unsere Aufgabe, Konzepte zu entwickeln, die ein kinder- und karrierekompatibles Familienleben fördern. Derzeit bedeutet ein solches Leben allzuoft Überlastung, Stress und Zeitnot. Väter und Mütter betreiben nicht selten Raubbau an ihrer Gesundheit, an ihrer Partnerschaft und an ihrem Freundeskreis.

Flexible Vollzeit und KinderZeit Plus bieten Auswege aus dem ewigen Gestresstsein. Und die brauchen wir, damit unserer gehetzten Gesellschaft nicht die Puste ausgeht.“

Kommentare

Einen Kommentar schreiben: